Montag, 11. April 2011
Selbstentsorgung



Aus der Haut fahren zu dürfen, galt mir plötzlich als Idee zu einem herrlichen Ausflug.

Endlich einmal so außer sich sein, dass man die eigene Haut als Tasche nutzen könnte. Und da hinein packte man all den billigen Plunder, den man sich andrehen ließ, um sich von der mühsam verdienten Kohle von Zeit zu Zeit auch mal etwas leisten zu können, damit man so wenigstens irgendetwas von all dem Schmerzensgeld hätte.

Und dann trüge man diese unglaublich riesige und schwere Tasche, diese prall gefüllte – ach, was, man trüge sie ja nicht, man schleifte sie wie eine Leiche hinter sich her durchs Treppenhaus, vom obersten Stockwerk, Treppenstufe für Treppenstufe hinunter bis vor die Tür, wo der Müll steht. Und diesem Entsorgen vermeintlich mitfühlend beiwohnend, wunderten sich dann grüßend die Nachbarn: Ja, was ist das denn, das sieht ja aus, als trügen Sie sich selbst zu Grabe?

Und dann diese mit Unrat vollgestopfte XXL-Version des eigenen Selbst kurz noch einmal ablegen, tief duchschnaufen, sich breitbeinig aufstellen und mit einem Mega-Zombie-Grinsen auf den fleischroten Backen der nachbarlichen Verwunderung entgegentreten:
Ja, wissen Sie, ich hatte es einfach über, mit dem Arsch, den ich nicht mehr in der Hose hatte, jeden Morgen schweigend beim Frühstückstisch zu sitzen. Und ich war’s einfach leid, mich ständig daran zu erinnern, dass ich mich gleich wieder vergessen müsste.
Jeden Tag begann ich damit, dass mir vor dem Spiegel schon klar wurde, dass ich der eine bin, der den anderen gleich wieder im eiligen Tippelschritt zur Arbeit schicken wird.
Und das war am Montag und am Dienstag so und auch an den darauf folgenden Tagen jeder Woche – jahrein, jahraus. Jeder Tag war ein Volkstrauertag, den man nur mit Späßen noch bekämpfte, die nur die Untergebenen noch vorgaben, lustig zu finden.

Der Mond erschien mir als Scheibe, so lange, bis ich dahinter kam. Da war dann auch die Erde plötzlich keine Kugel mehr, sondern ein riesiggroßer Teller ohne Rand.
Und jeder hier tat es: alle übten sich mehr oder weniger erfolgreich im Verdinglichen aller Sinne. Alle ließen wir uns weichkochen und zahlten gar noch dafür.

Ich dachte mir irgendwann: Verfickt, wäre das nicht geil, wenn einem mit einem Mal gar nix mehr peinlich wäre? Der Arsch fräße endlich das Grundeis & nur am Himmel sähe man noch vorübergehend Spuren der eigenen Schamesröte.

Ach, käme der Strom doch nur aus dem Fluss der Gedanken und des Gefühls – all unsere Energiefresser wären so leicht ausgemacht.

Aber stattdessen herrscht überall süchtiges Sehnen vor - in den müden und leeren verwundeten Seelen und auf den Grimassen der Erfolgsverdingten.
Und so schmiedet man verzweifelt die wildesten Pläne: Man baut sich das Oberstübchen im Barrique aus oder fährt in den Urlaub nach Rokoko.

Man schenkt uns ein & teilt uns aus & immer wieder laden sie uns ein, und wir setzen uns auch noch dazu; und in der Pfanne bruzzelt das immer selbe Feuer. Ich hab das so satt!

Und diese faulen Eier, die sie uns täglich legen: Darf man den Hartgesottenen & Ausgekochten nicht wenigstens die hartgekochten Eier hinterherschmeißen, die sie einem selbst in den Weg gelegt haben?
Mensch Angie, sage ich manchmal im Geiste zu Frau Merkel, was machst du eigentlich beruflich? Und dann will ich immer gleich noch persönlicher werden, bis aus der Angesprochenen endlich die 1.Person, nicht die 3. oder die Funktion oder das Amt antworten will.

Aber nein: Unverdrossen ziehen wir alle unsere Bahnen. Auf allen Vieren im Kreis kriechen wir weiter & wenn einer von uns verletzt liegen bleibt – der, der bislang neben uns kroch –, ja dann wird halt kurzfristig auf Dreien weitergehumpelt, weil die eine Hand ja das Victoryzeichen machen will. Man muss die Feste doch schließlich feiern, wie sie fallen.

Und keiner wagt etwas, dabei wäre es doch so einfach: selbst die kleinsten Kleinigkeiten bewirken doch manchmal schon Großes: Wir könnten zum Beispiel so lange hin & her, kreuz & quer durch alle Beete hetzen, bis der Atem nur noch zum Innehalten reicht & dann laut über uns selber statt über die andern lachen.

Oder so lange im Wechsel so gut & so böse sein, dass selbst das schwärzeste Schaf in der Grauzone endlich weiß, dass es selbst die Welt erst bunt macht.
Oder einmal – Auge um Auge, Zahn um Zahn - endlich christliche Nächstenliebe üben und einfach den nächstbesten Papst verführen, der uns begegnet. Stephen Stills sang doch schon: „Love the pope you’re with.“

Rapunzel, lass dein Haar herunter!
Erinnert sich denn keiner mehr? Leute holt doch endlich wieder euer langes Haar hervor, lasst es euch wachsen, auf dem Kopf oder wenigstens unter den Achseln, aus euren Ohren und Nasen, im Schritt und am besten auf den Zähnen.
Und betankt eure Autos endlich mit dem Gel vom Haupte der nächsten Lichtgestalt, die euch regieren will.

Und dann einmal, statt leise zu sich selbst, laut zu den anderen sagen, wie hilflos man ist & daß die zugegebene Hilflosigkeit derer mehr hülfe als die Hilfe, die sie einem stattdessen immer teurer verkaufen wollen.

Und dann einmal so unausgeschlafen sein & gar nicht drüber reden wollen & aber auch gar nicht mehr so tun als ob.

Und dann einmal so wütend & traurig sein, und wegweinen ein ganzes Meer von unerwünschten Tränen, bis eine plötzliche Freude spürbar wird & der Spaß vorübergehend einfach die Fresse hält.

So trüge man sich vielleicht gar nicht selbst zu Grabe – nein, man zöge sich viel mehr selbst am Schopfe aus all dem Schlamassel!

Dieser abgezockte und billig ausverkaufte Gegenentwurf einer Welt - wir sind doch längst alle bankrott.
Ich trage diese miese, missratene Skizze niemandem mehr nach, ich schmeiße sie endlich weg - soll sie doch jemand anders fressen!

Schickt die Atomlobbyisten nach Japan, lasst sie dort aufräumen & dann sollen sie sich selbst und den Menschen dort zur Rede stellen.

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Fünf Sinne reichten nicht aus, aber vor allem der Spürsinn litt unter weiterem Stumpfsinn & sinnentleerter Behauptung zweckdienlicher und teuer verkaufter Meinung.

Was ich mir jetzt leisten will, das ist die bedingungslose und schamlose Versinnlichung aller Regeln.

(Textmontage aus Twittersplittern anlässlich des Lesemarathons im Gängeviertel)

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